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Sagen und Legenden aus der Niederlausitz und dem Dorf Kossenblatt
Die Ludki oder Luttchen

Der rote Stier auf weißem Grund, das Wappentier der Niederlausitz

Die Ludki oder Luttchen in der Niederlausitz

Die sagenhaften "Kleinen Leute" der Niederlausitz

Nach Aufzeichnungen von Wolfgang Paulick

© Detlef Miethe; 04936 Schlieben; Bergstraße 7; 
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Über die Ludki oder die Luttchen

Die Ludki, verdeutscht Luttchen, gibt es nur in den beiden Lausitzen. Es sind kleine Leutchen, wie aus ihrem slawischen Namen ersichtlich. Sie wohnen abseits von den Menschen in den sandigen Hügeln der Niederlausitz, denn sie scheuen den Klang der Kirchenglocken und das Geschrei der Kinder in den Dörfern. Auch das Pfeifen, mit dem die Menschen ihr Vieh rufen und das Brummen, mit dem die Menschen häufig miteinander umgehen, mögen sie nicht. So wird das heimliche Leben der Ludki von unseren Vorfahren begründet.
Doch kamen sie vielfach in die Dörfer der Wenden, deren Sprache sie nur sehr unvollkommen sprachen, so daß man nicht sicher sein konnte, ob ein Ja auch als ja zu verstehen sei oder ob es ein Nein bedeuten sollte. Das brachte manche Schwierigkeit und manches Mißverständnis mit sich.
Oft liehen sich die kleinen Leute von den Menschen Werkzeuge. Einen Backtrog, zum Beispiel, oder auch eine Säge und anderes. Man lieh ihnen gern, denn es waren durchweg ehrliche Kerlchen, die sorgsam mit den ausgeliehenen Dingen umgingen und sie immer umgehend zurück brachten. Auch brachten sie dem Eigentümer etwas mit für das ausgeliehene Stück, etwa ein kleines Brot für den Backtrog.
Bei aller Abgeschiedenheit ihres Daseins sind die kleinen Leute tüchtig und hilfsbereit. Sie helfen den Menschen bei vielerlei Arbeiten im Haus, auf dem Hof und auf den Feldern. Gute Geister eben, wenn sie von den Menschen gut behandelt werden. Unsere Altvorderen stellten ihnen daher des Abends ein kleines Näpfchen mit Speisen auf die Türschwelle, welche sie gern annahmen. Wenn am Morgen die Näpfchen leer waren, freuten sich die Menschen. Das war nämlich ein untrügliches Zeichen dafür, daß die Ludki oder Luttchen die Speisen auch dankend angenommen hatten. Verärgern aber durfte und wollte man die kleinen Leute nicht, rechnete man doch auf sie, wenn man ihrer wirklich einmal bedurfte.
Böse konnten die Luttchen werden, wenn man sie ärgerte oder sich undankbar erwies. Ansonsten waren sie die guten Geister des Hauses. Verträglich und hilfsbereit. Dies nicht nur im Hause, sondern auch bei der Arbeit in Feld und Flur. Einem pflügenden Bauern, welcher erschöpft in der Mittagsglut hinter seinem Pflug einherschritt und der bei sich dachte: jetzt wäre ein Krug Buttermilch und ein Stück Brot gut, fand, als er seinen Pflug wendete, beides neben der Pflugfurche. Ein anderer Bauer glaubte bei der Wiesenmahd hinter sich Geräusche von Kuchenblechen zu hören und murmelte vor sich hin: oh, wie gern würde ich jetzt ein Stück Kuchen essen, worauf zwei Luttchen erschienen und ihm einen Kuchen brachten. „Laß es Dir schmecken, Bauer, aber laß den Kuchen ganz!“ Der Bauer stutzte, bedankte sich, zog sein Messer und schnitt den Kuchen so aus, daß der Rand als ganzer Ring übrig blieb. Den großen inneren Kuchenteil verzehrte er mit Appetit. Dafür wurde er von den Ludki gelobt. Einem Mensch mit Verstand waren die kleinen Leute stets gewogen, wenn er letzteren nicht dafür nutzte, um andere zu übervorteilen.
Auch wer ihnen nicht begegnete, dem boten sich in alter Zeit vielfältige Belege ihrer Existenz oder doch zumindest ihrer vormaligen Existenz. Die Urnenfelder mit ihren tönernen Gefäßen wurden ihnen zugeschrieben. Die kleinen Henkel an den Gefäßen waren so recht für die Hände der Luttchen gemacht. Auch der Leichenbrand in den Tongefäßen mit den kleinen Knochenresten deutete auf die kleinen Leute. Den Dörflern boten die Ludki geradezu eine Erklärung für die Gefäße, welche in der Nachbarschaft ihres Dorfes gefunden wurden. Bei dieser Herkunft der Gefäße war es dann auch kein Wunder, daß diese Töpfe nun auch wunderbare Eigenschaften hatten. Als Viehtränke genutzt, beugten sie Krankheiten vor. Die Sahne, welche in ihnen gesäuert wurde, war fetter und ergab eine schmackhaftere Butter als die, welche in den seinerzeit üblichen Tontöpfen gesäuert wurde. Bei den auch sonst sympathischen Eigenschafte der Luttchen war das auch zu erwarten gewesen.


Über den historischen Hintergrund der Ludki-Sage

Die Ludki- oder Luttchen-Erzählungen haben gemeinsame Voraussetzungen.
Da ist zunächst der Begriff Ludki. Wir haben es mit einem slawischen Wort zu tun. Am richtigsten ist es mit „Kleine Leute“ übersetzt. Dieser Begriff ist doppeldeutig. Er bezeichnet einmal Leute von kleinem Wuchs, er kann aber auch Leute von geringer Herkunft, arme und einflußlose Leute, Leute die sich ducken müssen, sich eben klein machen müssen, bezeichnen.
Erinnern wir uns. Als die germanischen Stämme zur Zeit der Völkerwanderung ihre Heimat verließen, um nach Westen zu ziehen, blieben Teile dieser Völker zurück. Es mag sein, daß sich diese Zurückgebliebenen klein machten, sich duckten und zurückzogen, als die slawischen Neusiedler in das weitgehend entvölkerte Gebiet eindrangen.
Sodann: Da die zurückgebliebenen germanischen Familien sich gegen die Übermacht der Neuankömmlinge nicht wehren konnten, blieb ihnen nur das Ausweichen auf die unfruchtbaren Sandberge, die guten Böden nahmen die Neuankömmlinge in Besitz.. Die eingeborenen Germanen gingen den neuen Dörfern der Slawen aus dem Weg; das war der einzig mögliche Weg, um zu überleben. Soweit gingen sie ihnen aus dem Wege, daß das Kindergeschrei aus diesen Dörfern und deren Kirchenglocken ihre Ohren nicht mehr erreichte.
Und weiter: Die Sprache der Neuankömmlinge war den Zurückgebliebenen zunächst unverständlich. Die nun im eigenen Land abgeschieden lebenden lernten zwar bald die neue slawische Sprache, jedoch weitgehend unvollkommen und wenn man sich in dieser neuen Sprache verständlich machen wollte, dann blieb doch vieles unklar und verworren. Und schließlich: Wer sich nicht wehren kann, muß, will er leben, untertänig sein, sich begnügen, seine Dienste anbieten, dem Stärkeren nützlich sein. Der Nützliche, sich Duckende ist wohl gelitten. Das mag den in der Heimat heimatlos Gewordenen den Namen Ludki, „kleine Leute“ eingebracht haben. Diese „kleinen Leute“ schlägt man nicht und behandelt man sie gut, dann sind die kleinen Leute noch immer nützlich gewesen.
So kann es gewesen sein und viele gehen davon aus, daß die Erzählungen von den sagenhaften Ludki in der fernen Zeit der Völkerwanderung zu suchen ist, in welcher die Wenden das Land der Lausitz in Besitz nahmen und das in die Minderheit geratene alteingesessene Volk an den Rand drängten und schließlich assimilierten. Von Generation zu Generation mündlich weitergegeben, geriet der eigentliche Ursprung der Sage in Vergessenheit und aus den benachteiligten kleinen Leuten wurden Leute von kleinem Wuchs. Auch der ethnische Hintergrund kam bald in Vergessenheit und weil die frühdeutschen Ostkolonisatoren, soweit sie in den Gemeinen aufgingen, auch deren kulturelles Umfeld assimilierten, wurden aus den slawischen Ludki auch die deutschen Luttchen.

Berichte über die Ludki bzw. Luttchen welche in Teilen der Grundsage entsprechen liegen aus folgenden Orten vor:

Biebersdorf, Boblitz, Bohsdorf, Brahmow, Branitz, Brehmsdorf, Briesen, Burg, Burghammer, Byhleguhre, Cahnsdorf, Cottbus, Dissenchen, Drachhausen, Drehna, Drieschnitz, Eichwege, Fünfeichen, Forst, Gablenz, Gahry, Gießmannsdorf, Kieselwitz, Klein Düben, Klein Muckrow, Klein Oßnigk, Klinge, Kolkwitz, Komptendorf, Laasow, Leuthen-Wintdorf, Limberg, Lindenberg, Lübben. Lugknitz, Mattendorf, Mixdorf, Muckwar, Mulkwitz, Papitz, Ottendorf, Preilack, Proschim, Roggosen, Ruben, Sallgast, Selessen, Senftenberg, Speichrow, Schlepzig, Schlichow, Schmogrow, Schönheide, Straupitz, Strega, Striesow, Ströbitz, Tauer, Tranitz, Trebatsch, Treppeln, Turnow, Weissack, Werben, Wulfersdorf, Wußwerk, Zahsow, Zützen,
Die Sage von den Ludki oder Luttchen gibt es nur in den beiden Lausitzen. Sie mag ihren historischen Hintergrund in den, durch die eingewanderten Wenden, an den Rand gedrängten Resten der verbliebenen germanischen Stämme finden.